Dienstag, 18. September 2012

MARIA LUISA

Es gibt die kostbaren Lichtblicke auf dem Büchertisch, die einen mit angehaltenem Atem ehrfürchtig blättern lassen. Die einen mitnehmen, in ein anderes Land, in einem fremde Küche, zu neuen Gerichten. Für die man sich Zeit nimmt und die man sich aufhebt, wie den letzten Bissen des Lieblingskuchens.

Maria Luisa kann nicht anders
- Von Platterbsen, weißen Trüffeln und einer Messerspitze Wahnsinn -
(Ein Koch-Bilder-Lese-Buch aus Umbrien)
Texte: Judith Stoletzky
Bilder: Justyna Krzyżanowska
Rezepte: Maria Luisa Scolastra
Erschienen 2012 im Becker Joest Volk Verlag

 

Maria Luisa Scolastra ist die leidenschaftliche Küchenchefin der Villa Roncalli in Foligno bei Perugia. Ihre Familie gab ihr gastronomische Wurzeln mit auf den Weg, der sie zuerst gar nicht in die Küche, sondern ins Ausland führte. Schlussendlich konnte sie sich jedoch der kulinarischen Anziehungskraft der Heimat und der dort von ihren Eltern seit den 80er Jahren restaurierten und mit Gästezimmern ausgestattete Villa Roncalli nicht entziehen und ließ sich als Sommelière sowie zur Bäckerin und Konditorin ausbilden. Als ihre geliebte Mutter im Alter von nur 59 Jahren unerwartet in der Küche starb, übernahm sie dort das Regiment.
Sie kocht dort mit bewundernswerter Ruhe, hohem Qualitätsanspruch, vielen Töpfen, großem Ernst und macht am liebsten alles selbst. Von der Lebensmittelerzeugung bis zur Kreation eines Gerichts. Den Rezepten ihrer Mutter bleibt sie dabei treu.



Die Sprache des Buches, ganz gleich ob Bild oder Text, ist liebevoll, kostbar und echt. Sie weckt eine große Sehnsucht. Ein kleiner Kochbuchschatz. Von genau solchen Schätzen und ihrer Wirkung wird treffend im Vorwort gesprochen: „Kaum hat man das so genannte Kochbuch aufgeschlagen, möchte man es auch wieder zuschlagen! (…) Man möchte seinen Job hinschmeißen, Land und Familie verlassen. Ach was, eine gründen und zwar eine große! Man möchte eine nonna adoptieren, mit Trüffelhunden im Morgengrauen neblige Novemberwälder durchpflügen, seine Hände in die duftende ausländische Scholle vergraben, Olivenbäume umarmen und Trauben in Wein verwandeln. Man möchte (…) jeden Tag im Schatten von Zitronenbäumen fröhliche Gelage mit einer ganzen gut gelaunten Bande aus Nachbarn, Familie, Wahlverwandten und fremden Leuten feiern. (…) Manchmal stiftet ein Buch voller Rezepte die Menschen sogar zum Kochen an. Bevor Sie also Ihr Leben grundsätzlich umkrempeln, üben Sie bitte vorher wenigstens Maria Luisas frittata.“

Bis die nach Jahreszeiten zusammengefassten Rezepte präsentiert werden, lernt man anhand von wundervollen Bildern und Texten auf den ersten 158 Seiten nach und nach Maria Luisa, ihre Gedanken und ihre Eigenarten kennen und schätzen. Man streunt gedanklich durch die Villa, bekommt den Hausheiligen vorgestellt, lernt Zutaten mit ihrer Verwendung und ihren regionalen Lieferanten kennen. Alles in Ruhe, ohne Hektik. Bei Maria Luisa dreht sich viel um Geduld. Und um die Jahreszeiten, die den Speiseplan diktieren. Die Rezepte sind übersichtlich und reduziert geschrieben, manchmal mit Anekdoten- und immer mit passender Weinempfehlung versehen.



Maria Luisas kompromisslose Liebe zum Detail lässt sich in den Zutatenlisten und Geschmackskombinationen erkennen. Man findet Herzhaftes, etwas weniger Süßes und Brotrezepte. Nichts für den ungeduldigen Koch mit Hunger zum späten Feierabend. Lieber für einen Samstag, der mit einem ausgiebigen Marktbesuch startet und sich fröhlich mit den besten Zutaten mehrere Stunden in der Küche abspielt.

Allein die Geschmackskombinationen überzeugen beim ersten Lesen: Lammkarré mit offener Artischocken-Safran-Lasagne (Frühling), Schwertfisch-Carpaccio mit lauwarmem Dinkel-Gemüse-Salat (Sommer), Borlotti-Suppe mit Sellerie-Flan und Parmesan-Meringue (Herbst), Paradiestörtchen mit Schoko-Mousse und Vanille-Nuss-Sauce (Herbst), Schweinefilet in Salbei-Wacholder-Sauce mit Wirsing-Kartoffel-Stampf (Winter).
Die ansprechenden Fotos zu den Rezepten sind authentisch entstanden. Kein Manipulationen eines Foodstylisten, frisch aus Topf und Pfanne schnell in das Eckchen mit dem besten Licht gerückt. Und danach vom Team noch warm verspeist!



Ich gebe zu, bisher habe ich kein Rezept nachgekocht. Ich befürchte, es nicht so hinzubekommen, wie es bei Maria Luisa zelebriert und kredenzt wird. Vielmehr bekomme ich große Reiselust und würde sehr gern Gast bei ihr sein und mich bemühen, die Kontrolle abzugeben und mich stattdessen dem überraschenden Genuss hinzugeben. Denn dies macht nach ihren Angaben den perfekten Gast aus. Ich möchte in ihrer Küche Mäuschen spielen, auch wenn sie das gar nicht so gerne mag. Ich möchte all die netten Menschen in der Villa und in ihrer Umgebung kennen lernen, die so herzlich portraitiert wurden.



Selten hatte ich ein Buch in den Händen, aus dem die Passion der Macher und der Hauptperson so deutlich und berührend hervorgeht und ich freue mich darauf, es immer wieder in die Hand zu nehmen, darin zu lesen und inspiriert zu werden.

So gingen mir auch die hübschen Zucchiniblüten nicht mehr aus dem Kopf, die Maria Luisa gerne in ihren Rezepten einsetzt. Wie gut, dass Ackertinien noch einige letzte bereit hielt. Maria Luisa, ich werde mir Zeit nehmen etwas ganz Köstliches daraus zu zaubern und dabei auf dich anstoßen!



Und wie gut, dass das Fräulein heute passenderweise noch weitere kulinarische Buchschätze verrät!

Kommentare:

  1. ... ach, julie: ist das gedankenübertragung oder einfach die gleiche flamme? :) ich glaube beides. und ich bin ganz morgendlich angetan von dieser ode an das kochen - und an die zufriedenheit.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. beides :) das macht mich übrigens auch zufrieden!

      Löschen
  2. der anblick allein, so liebevoll gestaltet, nur durch deine fotos hindurch lässt es mich gleich bestellen. vielleicht wage ich es ja, das eine oder andere rezept / oder ich stehe da, wie du. in ehrfurcht versunken.

    AntwortenLöschen
  3. Das ist eine sehr schöne, liebevolle Beschreibung von dir über dieses Buch. Hat richtig Spaß gemacht zu lesen, und ich glaube, der Spirit des Buches ist dabei sehr gut rübergekommen.

    Liebe Grüße, Maja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh Maja, ich wolle Maria Luisa unbedingt gerecht werden und deine lieben Worten freuen mich sehr!

      Löschen
  4. liebe julie, so wie du das buch beschreibst, möchte ich am liebsten gleich in die nächste buchhandlung stürmen, um mich sofort damit auf der couch einzugraben :-)
    das einzige was mich daran hindert ist, dass ich vegetarierin bin und mir daher mit vielen kochbüchern etwas schwer tue. sind die rezepte arg fleisch-/fischlastig? und wie hoch ist denn der rezeptanteil im buch? meinst du es lohnt sich auch für eine vegetarierin? wenn du ja sagst, stürme ich sofort los :-)
    liebe grüße von inga

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Inga, gut, dass du fragst. Das Schöne in dem Buch: das Gemüse ordnet sich nicht trist dem Fleisch unter, es wird gewürdigt und darf genauso die Hauptrolle spielen. Somit tauchen zwar viele Fleisch- und Meeresfrüchte-Gerichte in dem Buch auf, aber wenn man sie weglässt oder abwandelt, bleibt bei nahezu bei jedem Gericht stets noch ein genau so hochwertiges vegetarisches Gericht. Vielleicht kommst du dazu, mal im Buchladen darin zu blättern und dir ein Bild zu machen?

      Löschen
  5. sehr schön..könnte mir auch gefallen.. :)

    AntwortenLöschen
  6. mir auch ! danke fürs zeigen! liebste grüße. julia

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über eure Worte!