Sonntag, 2. März 2014

SLOW FOOD

Als mir der Begriff "Slow Food" vor einigen Jahren das erste Mal begegnete, dachte ich voreilig an einen neuen Hype-Begriff und stellte mir dabei sehr langsam kauende Bio-Hipster vor, die aus der LOHA-Kennzeichnung ausbrechen wollten.
Eine Weile später lernte ich bei einer Rezeptrecherche, dass es verschiedene regionale Gruppen gibt, die sich dem Slow Food Thema widmen. Und das weltweit. Ein kurzer Klick auf eine Gruppe in meiner Nähe zeigte mir auf der Startseite eine fröhliche Seniorenrunde, die mit Weingläsern anstößt. Dass dieses Bild eigentlich sehr viel über Slow Food, die Ziele und die dazugehörige Geschichte aussagt, erschloss sich mir dann vollständig, als ich mich mal richtig mit dem Thema befasste und zu guter Letzt im vergangenen Herbst auch den passenden Film Slow Food Story im Kino sah. Dort wurde anschaulich die Bewegung rund um den charismatischen und unermüdlichen - aber sicher auch nicht immer einfachen - Carlo Petrini erzählt, die bereits 1986 in einem kleinen italienischen Städtchen ihre Anfänge fand.



Ich ordne mich selbst ungern einer Definition beziehungsweise einer Gruppierung zu. Allerdings ertappte ich mich während des Films an vielen Stellen dabei, wie ich innerlich nickte und meine kulinarischen Gedanken wiederfand. Primär ging es dem frisch gegründeten italienischen Verein darum, für gutes Essen, für kulinarischen Genuss und für ein moderates Lebenstempo einzutreten. Es folgte die Einsicht, dass auch die bäuerliche Landwirtschaft, das Lebensmittelhandwerk und eine gesunde Umwelt für eine gute, saubere und faire Esskultur unerlässlich sind.

Mittlerweile ist eine der wichtigsten weltweiten gastronomischen Bewegungen von bewussten Genießern und mündigen Konsumenten daraus entstanden, die die Kultur des Essen und Trinkens pflegen und lebendig halten möchte. Verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt stehen stets auf der Agenda. Es gehört viel Lobbyarbeit dazu, Gespräche mit Politikern und der Industrie stoßen nicht immer auf gegenseitige Begeisterung. Veranstaltungen und Plattformen, um Produzenten, Händler und Verbraucher zu vernetzen, Transparenz zu schaffen und Wissen zu teilen sind ebenfalls ein großes Anliegen der Mitglieder der Non-Profit-Organisation. Das Netzwerk Terra Madre ist seit 2004 ein weiteres Herzensprojekt von Slow Food.

Petrini selbst, spricht in einem kürzlich erschienenen ZEIT-Interview mit dem Münchener Gastronom Charles Schumann einige Punkte an, die mich ebenfalls beschäftigen, z.B. dass gutes Essen keine elitäre Angelegenheit sein soll und er spricht das hierzulande immer noch nicht wieder neu entdeckte Konservieren an, welches auch in von Kohlsorten und Lagerware dominierten Wintermonaten herrlich abwechslungsreiche Gemüseteller zaubern kann.

Im Interview ist auch die Rede von Petrinis Privatuniversität, der Università degli Studi di Scienze Gastronomiche. Eine Lehr- und Lernstätte, die sich mit verschiedenen Studienprogrammen und Kursen den gastronomischen Wissenschaften widmet und sich an internationale Teilnehmer richtet. Ohne italienische Sprachkenntnisse kommt man allerdings nicht weit. Es werden auch immer wieder Köche in die Mensa eingeladen, die alle die Aufgabe bekommen, ein Gericht zuzubereiten, das nur maximal fünf Euro kostet. Auch Spitzenköche stellen sich dieser Aufgabe, ein kurzer ZDF-Beitrag schaut dabei hinter die Kulissen.

Der Verein Slow Food Deutschland war im Jahr 1992 der erste nationale Verein außerhalb Italiens, er zählt derzeit über 12.000 Mitglieder in rund 80 Convivien (lokalen Gruppen). Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten sich zu engagieren. Dieses digitale Heftchen fasst die Arbeit, die Ziele und die Grundgedanken anschaulich zusammen:



Zwei Publikationen möchte ich besonders hervorheben. Das Slow-Food Magazin und den jährlich erscheinenden bundesweiten Genussführer, den der Verein selbst wie folgt beschreibt: "Die unverwechselbare kulinarische Identität einer Region drückt sich in ihren typischen Produkten, deren Verarbeitung und Zubereitungsweisen aus. Der Slow Food Deutschland Genussführer ist kein Restaurantführer im üblichen Sinne. Es ist ein Leitfaden zu Lokalen, in denen frische und saisonale Grundprodukte aus der Region auf handwerkliche Art und Weise verarbeitet werden, in denen der Koch bewusst auf den Einsatz von Aromastoffen, Zusätzen und Geschmacksverstärkern verzichtet und wo die Gerichte in der jeweiligen Region beheimatet sind und manchmal dadurch vor dem Vergessen bewahrt werden."



Ich finde, dass es mit diesem Büchlein ganz wunderbar gelingt, über den Tellerrand zu schauen, die Region um einen herum und viele neue kulinarische Herzensorte zu entdecken.

Ein Exemplar des Genussführers verlose ich unter allen Kommentaren, die bis einschließlich 08. März 2014
unter diesem Post eingehen. Ich freue mich, wenn ihr mir dabei erzählt, wie ihr zu Slow Food steht.

Kommentare:

  1. "Es lehrt uns das Essen zu respektieren" - Wunderschön, so viel Leidenschaft. Eine Bewegung mit der ich mich wirklich mehr als identifizieren kann. (Herzlichen Dank für deinen hinreißenden Blog übrigens!)

    Liebste Grüße

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  2. Für mich steht Slow Food für 'Verantwortungsvollen Genuss'. Über den Führer würde ich mich sehr freuen! Danke fürs Teilen und die tollen Rezepte.

    Liebe Grüße aus Berlin!
    Anna

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  3. slow food ist mir das erste mal in der schweiz über den weg gelaufen
    im gegensatz zu deutschland gibt es dort in den gängigen lebensmittelgeschäften seit jahren ausgewiesene produkte mit dem slow food label (mein lieblingsprodukt ist das ur-roggenbrot aus dem wallis), man muss dort nicht in spezielle (bio)märkte gehen, es gehört zum alltag
    anfangs ging es mir ähnlich wie dir, ich dachte die "übertreiben", ein neuer hype etc.
    dann habe ich angefangen mich damit zu beschäftigen und ich bin mittlerweile ziemlich überzeugt von dieser sache

    zudem bin ich ein grosser fan von petrini
    ich mag menschen, die so voller enthusiasmus für eine gute sache einstehen und kämpfen, auch wenn sie dabei ein bisschen schwierig sind (das macht sie für mich ehrlich gesagt nur noch sympathischer)

    und wenn jemand charles schumann nervös, der kann kein schlechter mensch sein : )

    u n d danke für diesen schönen beitrag, julie

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  4. liebe Julie, "langsam kauende Bio-Hipster"... was habe ich gelacht! Und innerlich genickt habe ich auch bei deinen Worten, berühren sie und Slow Food doch genau die Punkte, die mir selbst wichtig sind. Gutes, einfaches Essen; Wertschätzung für Produkte der Region, Essen im Lauf der Jahreszeiten und Achtung von Tieren und Pflanzen. Bewusster Genuss ist so ein schöner Gedanke. Zu gerne würde ich mich deshalb mit dem wunderbaren Reiseführer auf Entdeckungsfahrt begeben.
    Herzlichen Dank für deine Worte! Hab eine wunderbare, sonnige Woche! Liebe Grüße, Theresa

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  5. Ich mag Slow Food weil dies ein weiterer Schritt hin zu mehr Bewusstsein im Bereich Essen ist. Slow Food ist für mich weitaus gehaltvoller als viele neumodischere Auszeichnungen oder noch schlimmer Hashtags ohne Gehalt wie teilweise #cleanfood etc. Meine Eltern sind Mitglied bei Slow Food - sie gehen manchmal zu lokalen Treffs und tauschen sich dort mit anderen aus, die ähnlich denken. Das finde ich einen schönen Ansatz.
    Ich würde auch gerne (noch) mehr Bewusstsein in meine Nahrungsgewohnheiten integrieren, daher würde der Führer ziemlich gut passen. Gerade Hotels oder so, da kenne ich noch zu wenig Gutes :)

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  6. Slow Food ist uns bei unserem letzten Italienurlaub begegnet, gleich in den ersten Tagen. Und seit dem beschäftigen wir uns damit, suchen immer wieder nach Restaurants und Höfen, die mit diesen Werten Essen zubereiten und genießen.
    Es ist eben mehr als ein Hype, es ist eine Lebenshaltung mit Respekt für Nahrungsmittel und den langsamen, bedachten Genuss.
    Ganz besonders schätzen wir das "Ausgraben" von alten Korn- oder Kartoffelsorten, die unsere eigene Küche mittlerweile so bereichern!

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  7. seitdem wir unseren Acker haben, wird slow food, die regionale Küche mit heimischen pflanzlichen Produkten, für uns immer bedeutungsvoller.
    gerade heute habe ich einen kleinen Blog-Beitrag dazu gepostet. und eigentlich leben wir inzwischen sehr saisonal und regional, genießen was wir haben und bereiten daraus Köstlichkeiten zu. noch im März nutzen wir die letzten Produkte unseres Ackers... so toll!
    und sehr gerne möchte ich hiermit bei deiner Verlosung teilnehmen. :)

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  8. Liebe Julie,
    Slow Food ist uns zum ersten Mal begegnet, als wir ein Restaurant für unsere Hochzeit gesucht haben! Seitdem sind wir immer auf der Suche nach kleinen Restaurants und Läden und geniessen es genauso auch so selbst zu kochen!
    Liebe Grüße
    Maike Karen

    maike01(at) gmx.net

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  9. Wir haben Slow Food auf dem Käsemarkt in Bra - Piemont kennengelernt. Wer in der Nähe ist sollte dort auf jeden Fall einen Abstecher machen. Danach habe ich mich ein bischen mit der Bewegung beschäftigt, da ich aber auf einem Bauerhof aufgewachsen bin habe ich zu Regionalem, Saisonalen, Tieren - deren Schlachtung und Verzehr sowiso eine ganz rationale Einstellung die ich auch weiterhin Lebe! Slow Food ist eine Sinnvolle Bewegung die eine Masse anspricht und die allen Helfen soll die ein Leben mit!! der Natur bisher nicht erleben konnten. Für mich persönlich hat sie nicht viel neues gebracht.
    Schöne Grüße Kathrin [kathrinhilgers(at)gmx(dot)de]

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  10. Bin seit vielen Jahren Mitglied bei slow food. Finde einfach klasse......

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  11. vor einigen jahren kennengelernt und langsam immer mehr gesucht, entdeckt und immer mehr gelnossen.
    so wichtig! und so ein schöner beitrag! lg, éva

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  12. Das passt ja genau zu meinen derzeitigen Gedanken, wie ich mich und meine Familie in Zukunft gesünder und bewusster ernähren kann. Das Buch wäre ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
    Herzliche Grüße,
    Friederike

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  13. - - - Danke für eure tollen Kommentare! Maike Karen hat gewonnen - - -

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Ich freue mich über eure Worte!