Donnerstag, 2. Februar 2017

DAS MUSS MAN AUSHALTEN KÖNNEN


Ich habe einen Problemzahn. Seit August. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich deswegen geplant und ungeplant auf dem Zahnarztstuhl saß. Mein Zahnarzt wünschte sich Reißverschlüsse für die Mundwinkel, ich cremte sie sehr oft mit- und auch ein bisschen wehleidig ein. Und behütete die letzte hochdosierte Schmerztablette. Nach jeder Sitzung, während der ich genügend Zeit hatte darüber nachzudenken was wohl meine Fuß- und Handhaltung einem aufmerksamen Analytiker signalisieren, hatte ich eine Art Muskelkater. Überall. Das kenne ich schon. Die Spannung im Nacken sowieso. Der Zahnarzt verordnete mir Manuelle Therapie. Da ich bereits Physiotherapie- und Osteopathie-erprobt war, und beiden durchaus etwas abgewinnen konnte, machte ich neugierig meine Termine aus.

Eine Gemeinschaftspraxis in dem hohen Gebäude, in dem wir manchmal gerne ganz oben wohnen würden. Ich nehme den Aufzug und habe dabei ein schlechtes Gewissen. Bisher war ich dreimal da. Und hatte jedes Mal einen der anderen Therapeuten. Drei Charaktere. Drei Arten dem Körper zu helfen. Drei Arten der Konversation. Der erste war ein guter Anfang. Er wollte mir das Klettern schmackhaft machen und lachte über Pfefferminzbier während er verschiedene Punkte am Nacken und an den Schultern drückte.
Der andere war streng und sprach fokussiert das Nötigste. Sah mich liegen und erkannte sofort, dass da mal was am Sprunggelenk und am rechten Knie war. Er gab mir eine Hausaufgabe, die mich mehr beschäftigt als mir lieb ist. Ich darf die Beine nicht mehr übereinanderschlagen und auch den Schneidersitz soll ich mal vergessen - und schon wieder ertappe ich mich, genau jetzt. Er erklärte mir den Zusammenhang zwischen linkem Fuß und rechtem Nacken. Und dass man den Körper von unten aus aufbauen muss. Das Fundament muss stimmen. Was passiert, wenn man immer nur oben ansetzt, würde ja der Turm von Pisa recht gut veranschaulichen.
Der Dritte fand die richtig fiesen Stellen, die verfilzten Stränge. Er plädierte für stetige Bewegungswechsel, das Platzieren von Alltagsdingen außerhalb direkter Reichweite und das Dehnen. Also das richtige Dehnen. Das Dehnen, welches wirklich lang ausgehalten wird. Sicher zwei Minuten, die sich anfangs wie eine Ewigkeit anfühlen. Konsequent. "Das muss man aushalten können". So klingt es mir noch im Ohr. Na gut. Für den Anfang besitze ich schon mal einen Tennisball. Bei Nicola werde ich auch noch mal über das Yin Yoga nachlesen. Das wird auch lang ausgehalten.

Ansonsten übe ich mich darin, mehr zu trinken. Ich habe immer eine Wasserflasche dabei, allerdings fürs Kind. Bei jedem Gang in die Küche wartet dort jetzt ein Glas Wasser. Zu jedem Kaffee gibt es auch eins. Dann noch mehr Tee am Abend. Oder heißes Wasser mit Ingwer und einem Schuss frischer Blutorange. Oder von dieser köstlichen selbstgemachten Kiwi-Zitronengras-Limonade, die ich vor ein paar Tagen in Hamburg trank und die ich bald nachbauen werde. Ja, da war sicher auch nochmal extra Zucker drin. Aushalten und Durchhalten ist nicht immer einfach...

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Was musst du gerade aushalten?

Kommentare:

  1. Ohje, Yin Yoga bitte nicht als Yoga sehen, bei dem du aushalten musst! Dabei geht es doch letztlich darum, nur so weit zu gehen, wie es gut für Dich ist, nicht so weit, dass du es "aushälst". Letzten Endes halten wir alle schon so viel "aus", wollen immer höher, immer schneller, immer weiter, da ist es doch schön, wenn wir einfach mal loslassen können - und genau darum geht es im Yin Yoga :) Nichtsdestotrotz: Viel Spaß dabei, und gute Besserung für den Zahn weiterhin!

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    1. Hallo Jana, ich sehe das aushalten nicht zwingend nur negativ. Auf das Yoga bezogen meinte ich auch eher ein wohltuendes aus-halten. Eine Art "Wohlweh" für die Faszien, in dem man sie ein bisschen herausfordert. Und genau wie du beschrieben hast auch loslässt :)

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  2. Hallo Julie, ich habe den Text vor ein paar Tagen gelesen und seitdem denke ich jedes Mal an dich, wenn ich versuche meine Beine mal nicht übereinander zu schlagen. Und das ist erschreckend oft. Ich übe mich ansonsten gerade im Wutanfall der Dreijährigen aushalten. Gar. Nicht. Leicht. Aber Übung macht den Meister, oder?

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    1. Liebe Isa, mir fällt es auch wirklich schwer, den Schneidersitz oder das Überschlagen konsequent zu unterlassen. Aber immerhin machen wir uns das schon mal bewusst, wenn wir uns dabei ertappen ;)
      Argh und diese Wutanfälle, dabei steht hier noch nicht mal eine Zwei vor dem Alter. Oh man. Wirklich nicht leicht!

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Ich freue mich über eure Worte!