Montag, 27. März 2017

VIETNAMESISCHE SCHWÄRMEREI

Ich mag es, wenn jemand ins Schwärmen kommt. Vor allem wenn es um Kulinarisches geht horche ich auf. Es ist schön zu beobachten, wie verzückt so mancher von einem Gericht spricht, das er einfach nicht vergessen kann. Oder von einem kleinen unscheinbaren Restaurant mit dem er letztendlich einen kompletten und grandiosen Urlaub verknüpft. Ich beobachte die Hände, die dabei versuchen das Bild einzufangen, welches der verträumte Blick in der Ferne nochmal ganz genau abzurufen versucht. Ich mag es, wenn der Schwärmende dabei milde wird, wenn er kleine Mängel oder Kritik von Anderen mit Gegenargumenten auffängt und dabei gekonnt mit seinen "ja abers" jongliert. Ich weiß selbst, dass so manche Schwärmerei entsteht, wenn sich verschiedene Zufälle und Emotionen und Tagesformen und Zustände zu einem warmen wohligen Knäuel im Bauch verschlingen - eine halbe Stunde später könnte es schon nicht mehr so sein. Da hat man vielleicht einen anderen Kellner oder einen anderen Platz erwischt, eine andere Sorge und eine andere Begleitung mitgebracht.

Ursula Heinzelmann schwärmt auch. Sie ist Stammgast, das kann nicht jeder von sich behaupten denn manchmal sucht man diese Einkehrorte ganz vergebens. Sie kommt immer wieder gerne zurück ins "Monsieur Vuong", ein vietnamesisches Restaurant mitten in Berlin mit einer erzählenswerten Geschichte. Anfangs noch ein echter zugeflüsterter Geheimtipp, mittlerweile stadtbekannt. Es geht um Vater (Hoanh) und Sohn (Dat), um Flucht und Neuanfang, darum sich durchzubeißen und sich treu zu bleiben. Die Geschichte hinter dem Restaurant ist mehr als eine nette Partyanekdote, sie entfacht Fernweh und Respekt. Und Hunger!
Man kann sie mittlerweile und bereits in der zweiten Auflage in einem sehr schön gemachten Buch mit dickem Pappeinband, der die matten crèmefarbenen und scharlachroten Seiten sowie die farbenfrohen Fotos aus dem Restaurant, aus Vietnam und aus dem Familienalbum auf den ersten 60 Seiten zusammenhält, nachlesen. Leider stört dabei ein intensiver Farb- oder Klebergeruch, der auch nach mehreren Wochen nicht verfliegt - schade!


Monsieur Vuong
- Das Kochbuch -
Ursula Heinzelmann
Erschienen 2016 bei Suhrkamp


Aus meinen Notizen während des Lesens: "Kindheit in Vietnam/Saigon, 1981 Flucht -> Boat People, ankommen in Solingen (kein Asialaden, keine vertrauten Zutaten...), eine improvisierende Mama. Rückzug mit 16 Jahren in einen buddhistischen Tempel, drei Jahre später Umzug ins lebhafte chaotische Berlin.Gastronomische Nebenjobs, die vietnamesische Küche war damals unbekannt also Wagnis eigenes Café. Dat fing in Berlin mit Banh Mi an. "Das sind doch Baguettes", es kam nicht an. 1999. Grauzone, Nudelsuppe - Pho. Ohne Plastikgeschirr (er mag kein Plastik, weder auf dem Tisch noch als Deko oder Möbel), auch die Speisekarten liebevoll gefertigt. Minimalistisch ohne Kitsch und Schnickschnack. Vietnamesische Küche ist weniger streng und puristisch wie die japanische, nicht so exotisch und chilischarf wie die thailändische. Es funktionierte mit den Suppen. Eng, voll, beliebt. 2001 Umzug in ein größeres Lokal, volle Konzession, Stammkunden wurden Freunde. Trubel, Herzlichkeit, Aquarium, Bambushocker, Blumen, Buddhafiguren. Auch wenn man nicht dort war, kann man es sich es ausmalen. Musik ist wichtig. Dat stellt eigenhändig die Playlists zusammen jenseits des weichgespülten Mainstreamgeschmacks. Nach Tageszeit und Jahreszeit abgestimmt, auf Mittagspausen Rücksicht nehmend. Der Fotograf Manuel Krug ist mit ihm nach Saigon, Hội An und Phú Quốc gereist. Sämtliche Angebote zu expandieren lehnt er ab. Man kann nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Der Vater, dessen Selbstportrait zum Wahrzeichen des Ladens geworden ist, war anfangs skeptisch und dann bis zu seinem Tod 2009 sehr stolzer Stammgast mit Lieblingsplatz am Fenster." 
(Das umreißt natürlich nur die Geschichte, ich möchte sie gar nicht komplett vorweg nehmen...)


Dat Vuong verrät in dem Buch 40 typische Monsieur-Vuong-Rezepte, so dass man auch von Zuhause aus eine kleine lehrreiche Vietnamreise unternehmen kann. Die Rezepte werden in folgende Kategorien unterteilt:
  • Fingerfood und kalte Snacks
  • Fingerfood und warme Snacks
  • Salate
  • Suppen
  • Warme Hauptgerichte
  • Süßes
  • Getränke

Die Gerichte, teils auch an den europäischen Gaumen angepasst, klingen köstlich und sind dank der passenden und authentischen Fotos wirklich ansehnlich abgebildet, teilweise sind sie etwas aufwändiger aber die Texte erklären glaubhaft, warum sich mancher Arbeitsschritt am Ende lohnt. Die exotischeren Zutaten bekommt man gut im Asia-Markt. Die herzhaften Rezepte enthalten meistens Fleisch oder Fisch(-sauce), also nicht unbedingt eine Empfehlung für Vegetarier. Dip- und Saucenfans kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.
An den nötigen Stellen werden passende Informationen mitgegeben. Der Rezepteaufbau ist anfangs ungewohnt, da er platzsparend gehalten ist und die Zutatenliste in die Beschreibung mit einfließt. Daran gewöhnt man sich aber schnell, dem Gestalter Henrik Hellige ist wirklich ein schönes Buchdesign gelungen!

Diese Rezepte haben mich direkt angelacht:
  • Sommerrollen mit kurzgebratenem Lachs und frittierten Wantanblättern 
  • Bánh-Mì-Happen mit würziger Geflügelleber, Maracuja und Pflaume
  • Fleischlose La-Lot-Rollen auf Reisnudelsalat
  • Gebackene Wantan mit Mango-Dip
  • Die Erdnusssauce der Hühnerspieße (so gut!)
  • Grapefruitsalat
  • Bananenblütensalat mit Entenbrusstreifen
  • Wantansuppe
  • Scharf geschmorte Makrele mit Ananas
  • Pfannengerührter Spargel mit Austernpilzen
  • Kokos-Ingwer-Flan
  • Monsieur-Vuong-Tee-Spezial


Und während ich großen Wantan-Hunger habe, dafür direkt eine Einkaufsliste schreibe und mir überlege, welcher Song wohl gerade im Monsieur Vuong läuft, wünsche ich mich auf einen der Bambushocker um das Geklapper und die vielen leckeren Dinge vor Ort kennenzulernen. Auch um herauszufinden, ob ich dann später ebenso schwärmend die Aromen nachschmecke und dabei mit leuchtenden Augen gestikulierend erkläre und aufzähle.

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Warst du schon einmal dort?

Kommentare:

  1. Ja, vor Jahren war ich zufällig bei M.Vuong, damals noch in der Gipsstr. - und es hat großartig geschmeckt ! Das Kochbuch ist schon bestellt...

    Dankes für's erinnern, Silke

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  2. Das Buch hatte ich schon mehrmals in der Hand, den Weg nach Hause hat es aber (noch) nicht geschafft, vermutlich deshalb, weil die vietnamesische Küche einfach nicht für Vegetarier gemacht ist... dabei klingt das Buch so gut!

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Ich freue mich über eure Worte!